Venezuelan Brass Ensemble - Dirigent Thomas Clamor - Carnegie Hall New York

Venezuelan Brass Ensemble

Erst die äußerst empfehlenswerte und bewegende DVD „El Sistema“, dann das großartige Buch der Autoren Kaufmann und Piendl „Das Wunder von Caracas.“, welches in äußerst fesselnder Form die Entstehung dieses weltweit einzigartigen musikalisch- pädagogischen Lehr- und Lernprojekts des genialen, weitsichtigen Musikers und Ökonoms Jose Antonio Abreu beschreibt, aus welchem gerade auch das „Venezuelan Brass Ensemble“ hervorgegangen ist. Ihm an erster Stelle hat das junge Ensemble zu verdanken, dass es seine großen Begabungen entfalten, seinen Rhythmus finden durfte! Der dem o.e. Buch beigefügten Discografie verdanke nun ich wiederum diese CD. Gerade hörte ich sie an und kann nur sagen: Umwerfend. Großartig! Immer wieder hören und nicht nur unbedingt kaufen, sondern auch verschenken! Es lohnt sich jeder Ton. Und vor allem, sich danach auch mit der Idee auseinanderzusetzen, die hinter dieser fantastischen CD steht: Kaum zu glauben, dass hier ganz junge Leute derart hinreißend musizieren. Junge Menschen, welche durch die venezolanische Bewegung „El Sistema“ zumeist ärmsten Verhältnissen entrissen und mit Hilfe einer gemeinsamen (kostenlosen!) musikalischen Ausbildung eine menschlich-sozial wie auch künstlerisch ungemein stärkende, zu geistigen und körperlichen Höchstleistungen beflügelnde Kraft in sich entfalten dürfen. Eine Kraft, die ihnen, so Abreus Worte, ermöglicht, aus einem Niemand ein Jemand zu werden. Einer überaus hoffnungsvollen, vielversprechenden Zukunft entgegengehen, im Alle für Alle die „Chance für eine lebenswerte Existenz“ (Clamor) ergreifen und den ganz eigenen Weg finden zu können. Gespielt von solch bemerkenswerten jungen Leuten vor diesem besonderen sozialen Hintergrund dürfte diese CD wohl jeden Hörer mitreißen! Nicht zuletzt verstärkt durch das mitreißende Spiel der Schlagwerkgruppe dieses hochkarätigen Ensembles ist nicht zu verhindern, dass das Herz schon von den ersten Takten an beginnt, höher zu schlagen. Diese Musik setzt unter Strom!

Das Jugendsozialprojekt „El Systema“

Das Beispiel „Venezuela“ zeigt, dass die Vision eines landesweit gültigen, anerkannten und erfolgreichen „Sistema“ von Jose Antonio Abreu 1975 in Caracas nach und nach in die Tat umgesetzt-, nicht verdammt war, unumsetzbar nur in seinem Kopf zu existieren. Vielmehr erwies sich schon bald, dass dieses besondere Modell tatsächlich die „Sprengkraft“ hat, eine zunehmend sich in der immer weiter öffnenden Schere zwischen „Arm“ und „Reich“, „Gewinnern“ und „Verlierern“ verlierenden Gesellschaft in einer humanistischen Weise zu ordnen. Und dass dieses Modell binnen kürzester Zeit Zukunft nicht nur aufscheinen, sondern auch lebendig werden lässt, indem es junge Menschen insbesondere ärmste Kinder und Jugendliche! - nicht nur zusammen-, sondern vor allem auch stetig voran zu führen vermag. Ihnen zu einem guten, allseits anerkannten und geachteten Platz in ihrem Leben verhilft, dessen Anfänge meist nur von Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit geprägt waren. „El Sistema“, aus dem schon 20 Jahre nach der Gründung des ersten Orchesters auch das „Venezuelan Brass Ensemble“ dieser CD hervorging, erweist sich somit als ein äußerst wirksames und zukunftströchtiges Projekt, das schließlich gar von der UNESCO sowie bedeutendsten, großen Banken und Stiftungen gefördert wird.

Lassen Sie mich doch bitte noch ein wenig berichten, das der CD beigefügte Booklet kann dies aus Platzgründen ja verständlicherweise nicht leisten. Es lohnt sich, mehr über die Hintergründe von „We got Rhythm!“ zu erfahren! Zunächst noch einmal zurück zu Abreus „El Sistema“: Mit all seinen bis heute aus diesem Modell hervorgegangenen bzw. immer noch hervorgehenden Orchestern und Ensemblegruppen gelingt es deren jungen Musikern, ihren (oft aus der Bewegung selbst hervorgegangenen) Lehrern und einer Vielzahl hochmotivierter Mitarbeiter, in atemberaubendem Tempo Brückenschläge nicht nur innerhalb Venezuelas selbst zu schaffen, sondern zunehmend (welt)weit auch bis über seine Grenzen hinaus! Ob zu den lateinamerikanischen Nachbarländern, den USA und vielen anderen Staaten - selbst bis nach Europa hinüber spannt sich der Bogen der unermüdlichen Arbeit Abreus, finden sich immer mehr Freunde, Förderer, interessierte andere Musiker, die das Modell studieren und zur Nachahmung mit nach Hause nehmen. „El Sistema“ trägt so immer reichere Früchte. Einer der Orte in Deutschland, den der Funken „El Sistemas“ fast schon mühelos erfasste, war und ist Berlin. Untrennbar ist diese Stadt durch die Gestalt des Ensembleleiters Thomas Clamor mit Abreus musikalisch-sozialer Kulturbewegung verbunden. Ungemein interessant ist gerade im Blick hierauf die Lektüre des o. e. Buch „Das Wunder von Caracas“, aus welcher man die spannend beschriebene Vorgeschichte von „We got Rhythm!“ erfahren kann, der „historischen“ Aufnahme des „Ensambla de Metales de Venezuela“, welche ihr Leiter Thomas Clamor einst einem Manager des berühmten Musiklabels EMI CLASSICS zuspielte, der daraufhin sofort die Aufnahmerechte für EMI erwarb und mit dieser CD dem nun „Venezuelan Brass Ensemble“ genannten Bläserensemble zum internationalen Durchbruch verhalf.

Gran Fanfare

Doch noch einmal zurück zu den Anfängen der zündenden Verbindung zwischen Clamor (in Venezuela bald voller Verehrung „El Catire“, der Blonde, genannt) und „den Venezolanern“: Kaufmann und Piendl widmen deren zunehmend erfolgreichen Zusammenarbeit innerhalb ihres o. e. Buches das sehr eindrucksvolle Kapitel „El Catire und das Venezuelan Brass Ensemble“. Ausführlich schildern die beiden Autoren hier die bewegende Geschichte der ersten Begegnungen und des künftigen, gemeinsamen Weges des späteren Förderers, Mitbegründers und Ensembleleiters Thomas Clamor mit den hochbegabten jungen venezolanischen Bläsern - Begegnungen, die seinem Leben als Musiker eine entscheidende Wende gaben und welche er seinem damaligen, zutiefst von Abreus Projekt beeindruckten und überzeugten Orchesterleiter Claudio Abbado verdankt. Abbado und Clamor waren es übrigens dann auch, welche als treibende Kräfte dem venezolanischen Jugendorchester des „El Sistema“ - dem Simon Bolivar Youth Orchester, welchem auch der spätere, weltweit gefeierte Dirigent Gustavo Dudamel entstammt- zu einer Konzertreise nach Deutschland mitverhalfen. Über das Debut der jungen Musiker in der Berliner Philharmonie lassen Kaufmann und Piendl Clamor in ihrem Buch berichten: „Nie zuvor habe ich ein solches Konzert erlebt, nie zuvor hat mich Musik so sehr bewegt.“ Dabei sei es nicht das künstlerische Niveau gewesen, das ihn so sehr bewegte, sondern die unbeschreibliche Spielfreude: „Diese Kinder und Jugendlichen haben gebadet in der Musik, fast körperlich ist ein “Nimm meine Musik!„ im Konzertsaal gestanden.

Es war einfach phänomenal!“ Genau das ist es auch, was die vorliegende CD bis heute vermittelt! Vom inneren Feuer der „Sistema“ Bewegung erfasst, engagiert Clamor sich alsbald mehr und mehr in Venezuela auf jegliche erdenkliche Weise in der Ausbildung junger Musiker und begründet schließlich aus Mitgliedern des Jugendorchesters und weiteren ausgewählten jungen Bläsern anderer Nucleos (Musikschulen des „Sistema“) aus ganz Venezuela das „Venezuelan Brass Ensemble“. Was sich in den Folgejahren aus dieser so überaus fruchtbaren Zusammenarbeit entwickelt(e) und sicher bis zum heutigen Tag in seiner Vervollkommnung noch weiter entwickeln wird, das bezeugt diese CD in eindrucksvoller Weise und lässt - voller Gespanntheit auf die künftigen Früchte der Weiterentwicklung von „El Sistema“ - dieser immer wieder aufs Neue Wunder-vollen Bewegung nur beste Wünsche mit auf deren künftigen Weg mitgeben!

Gira Baden Baden

Aber wäre es angesichts dieses „Wunder von Caracas“ nicht auch sehr zu wünschen, dass der Funke dieser weltweit einmaligen musikalisch- sozialen Bewegung immer mehr auf Deutschland übergreift? Das Land, das eine immer weiter verbreitete Armut seiner Kinder zu verzeichnen wie auch mit den Auswüchsen zunehmender Desorientiertheit einer immer mehr allein sich überlassenen, immer hoffnungsloser sich fühlenden Jugend zu kämpfen hat? Ist Deutschland doch durchaus reich genug, das Land bedeutendster Komponisten, beherbergt weltweit anerkannte Orchester und verfügt auch über eine hohe Musikschulkultur. Doch inwieweit sind hier - nach dem Vorbild und Gedankenmodell Abreus und dies ebenfalls kostenlos! - Kinder und Jugendliche aus sozial schwer benachteiligten, kulturell nicht geförderten Randgruppen eingebunden? Werden gerade sie gefördert, um sie von der Straße, von den Computern, ihren Videospielen und - filmen wegzuholen, ihnen zu einem guten Platz in unserer Gesellschaft zu verhelfen?! Eine „El Sistema“-Bewegung hier schiene mir deshalb mehr als sinnvoll - auch absolut denkbar! - und stieße sicher auf fruchtbarsten Boden, wenn es mehr Förderer dieser einmaligen Arbeit gäbe, gleich ob auf menschlichem, sozialem und/oder finanziellem Gebiet. Jeder von uns - auch ich - ist hier eigentlich doch gefragt, ob er sich nicht einmal in diesem Sinne einbringen könnte, gerade, wenn er musikalisch begabt und interessiert wäre. Sicher ein sinnvoller Schritt in diese Richtung wäre, die vorliegende CD, das Buch von Kaufmann und Piendl, die DVD „El Sistema“ oder eine der vielen anderen, reichlich vorhandenen CD und DVD - Dokumentationen aus dem Schaffen aus der „Sistema“-Bewegung hervorgegangener Ensembles als Geschenke an die „richtigen“ Leute weiterzuleiten oder zu spenden.

Gleich, ob für Junge oder Ältere, Reiche oder Arme, Schüler, Studenten, (Musik)Lehrer, Leiter und Lehrer von Musikschulen, Eltern, Musikinteressierte aller Schichten und Berufssparten, Manager, Industrielle, Bibliotheken, zum Schulabschluss, als Buchpreis geschenkt, gestiftet - könnten solche Gaben sich nicht als neue Zündfunken „El Sistemas“ für ein neues humanistisches Erwachen und Weiterleben in unserer Gesellschaft hier in Deutschland erweisen? Mithelfen, eine gesellschaftliche Wende einzuleiten? Es ist doch unübersehbar wie auch unüberhörbar, welch mitreißende Kraft den filmisch und akustisch so berührend dokumentierten Zeugnissen der verschiedenen „Sistema“-Ensembles innewohnt. An Niemandem dürften sie spurlos vorübergehen. Nicht am betuchten und verwöhnten Konzertpublikum, aber - wenn man sie denn mit dieser Musik konfrontierte - sicher auch nicht an all den vielen Kindern und Jugendlichen unserer Gesellschaft.

TicoTico

Denen vor allen, die sich zunehmend in die leblose Welt der Computer und Videospiele verirren, immer einsamer, hoffnungsloser, perspektivloser werden angesichts einer Zukunft, die immer stärker von der Ellenbogenmentalität und dem Machthunger Einzelner wie auch möchtiger Lobbyisten bestimmt wird und den Wert jedes (!) einzelnen Menschen immer mehr mit Füßen tritt. Eine gut geförderte und zielstrebig entwickelte „El Sistema“ - Bewegung in Deutschland, so bin ich überzeugt, hätte die Kraft, solche „No Future!“ Kinder und Jugendliche, ja, zunehmend größere Kreise unserer Gesellschaft im wahrsten Sinn von den Stühlen zu reißen und ihnen aus der sich derzeitig abzeichnenden Sackgasse herauszuhelfen. Ihnen im Zusammenfinden und - musizieren mit Gleichgesinnten (und Gleichgeförderten!) innere Kraft zu schenken. Ansporn zum „Ich will das auch können, ich will das auch selbst erleben!“ zu geben. Gemeinsames Musizieren, in welchem man in der Begeisterung für die Musik stets (und ganz im Sinne Abreus) stets nur sein Bestes zu geben bemüht ist, bereitet nicht nur eminent viel Spaß und Freude, es verhilft auch dazu, sich immer lebendiger zu fühlen. Schönes, freudig Erregendes, Bewegendes empfinden zu können und all das selbst auch wiedergeben zu wollen. Sollte diese Haltung nicht der Motor, die Kraft werden können, die heilt? Die einst orientierungslose, haltlose Menschen trügt, neuen Wegen zuführt? Ihnen ein vollkommen neues Selbstwertgefühl zuwachsen lässt - auch unserer Gesellschaft, die sich einen solchen neuen Weg doch eigentlich unbedingt wert sein sollte. Und sollte, was „ausgerechnet“ Venezuela uns seit bald 40 Jahren vormacht, so etwas nicht auch eine BRD schaffen können?!

Mambo

An dieser Stelle könnte man nun eine „Vision“ haben (Kaufmann und Piendl beschreiben ein Ereignis in diesem Sinne aus der Arbeit der Intendantin der Beethovenfeste, Ilona Schmiel): Dass nämlich Jugendorchester im Sinne der „Sistema“-Bewegung - in gemischter Besetzung, als Bläserensemble oder als Chor - Schulen besuchen, dort mit deren Orchestern bzw. Chören zusammenmusizieren und die deutschen Schüler zu eigenen Höchstleistungen beflügeln, dass diese kleinen und großen Orchester einer deutschen „Sistema“- Bewegung auch öffentlich kostenlose, durch Förderer gesponsorte Konzerte geben, gleich, ob auf Straßen, Plätzen, in kleinen oder größeren Räumen welcher Art auch immer Konzerte, in welchem begabte Kinder und Jugendliche aller Schichten (besonders hier auch aus armen Verhältnissen, wo Sponsoren kostenlos Instrumente für die Ausbildung zur Verfügung stellen) musizieren. Konzerte, spontane Auftritte, wo sie alle Schichten der Bevölkerung auch mitreißen und den Wunsch begründen könnten, die eigene Freizeit auch der Musik zu widmen, um eines Tages schon bald mitspielen zu können. Eine Gruppe begeistert musizierender Kinder und Jugendlicher mit allem Feuer, das sie hierbei an den Tag zu legen vermag - eine solche Vision beispielsweise auf Plätzen vor REWE-Supermärkten im Gegensatz zum zunehmenden trist-erschreckenden Anblick Gleichaltriger, die genau dort bisher ab dem frühen Abend immer nur haltlos herumgammeln, sich bis zum „Geht-nicht-Mehr“ voll laufen lassen - wäre das wirklich undenkbar?! Ich finde, nein! Denn: Es sollte eigentlich keine Zweifler mehr geben dürfen, dass Abreus visionäres Projekt nicht funktioniert. Wie wunderbar und äußerst wirksam dies nach wie vor seit den Tagen seiner Gründung gelingt, wie „ansteckend“ das Prinzip der „Sistema“-Bewegung ist, zeigt das Modell bis heute. Vor allem aber zeigt und beweist es Ihnen, liebe Leser, mit dieser CD unüberhörbar das Venezuelan Brass Ensemble selbst! Wie wäre es? Wollen Sie nicht mitmachen? Werden Sie Förderer solcher Projekte - ergreifen Sie vor Ort selbst Initiative(n). Das steckt nicht nur andere an, der kleinste Erfolg schon macht glücklich - Sie selbst. Und Andere!(fanny65 / 15. Februar 2014 / Amazon)

Das knapp 50-köpfige „Venezuelan Brass Ensemble“ ist ein Spitzen-Ensemble der besten Blechbäser und Schlagzeuger Venezuelas. Die Mitglieder entwuchsen alle dem einzigartigen System der musikalischen Frühförderung Venezuelas, dem auch der Stardirigent Gustavo Dudamel seine Blitzkarriere verdankt (mit dem die Musiker der jungen Philharmonie Venezuela im vergangenen Jahr bereits zum dritten Mal höchst erfolgreich auf großer Deutschland-Tournee waren).

Guerra de Secciones

Der Leiter des Venzezuelan Brass Ensemble, Thomas Clamor, ist Trompeter der Berliner Philharmoniker sowie Professor an der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“ und ebenfalls seit Jahren aktiv an der Arbeit mit den venezolanischen Jugendorchestern beteiligt. Das Repertoire der Debut-CD „We Got Rhythm!“ ist ungemein abwechslungsreich und zeugt vom stupenden technischen Niveau der Gruppe und der ansteckenden Musikalität der jungen Blechbläser. Neben den Klassikern der Ensemble-Literatur wie „The Earl of Oxford’s March“ finden sich u.a. Arrangements aus Leonard Bernsteins „West Side Story“, Kabinettstückchen wie José Carlis „Canaro en Paris“ George Gershwins „I Got Rhythm“ und Khatchaturians „Säbeltanz“. Bei Werken wie Aaron Coplands berühmter „Fanfare for the Common Man“ sowie den beiden Richard Strauss-Werken „Feierlicher Einzug“ und „Festmusik der Stadt Wien“ kann das Venezuelan Brass Ensemble klanglich aus dem Vollen schöpfen. (Tanja Toenges / 19. Oktober 2006 / Amazon)